ERP-Auswahl und E-Mobilität – Was gibt es zu beachten?

04.08.2020 Lesezeit: 8 Min.
ERP-Auswahl und E-Mobilität – Was gibt es zu beachten?
Daniel Ummenhofer
Daniel Ummenhofer
Sales Manager , Asseco Solutions
Daniel Ummenhofer arbeitet seit 8 Jahren im Software-Vertrieb. Bei Asseco ist die Gewinnung und Digitalisierung von Neukunden seine Berufung.
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Auf den ersten Blick wirkt E-Mobilität wie eine simple Portfolioerweiterung der Automobilindustrie. Das entspricht jedoch nicht der Realität. In Wahrheit steckt hinter dem Begriff E-Mobilität ein komplexes Ökosystem, das viele verschiedene Branchen umfasst. Unternehmen, die sich in diesem Ökosystem bewegen, stehen zum Teil vor ganz anderen Herausforderungen als solche, die am Bau eines Verbrennungsmotors beteiligt sind. Diese Unterschiede haben natürlich auch Konsequenzen für die ERP-Auswahl.

E-Mobilität als Branchenbezeichnung

Wenn wir über E-Mobilität sprechen, ist zunächst eine Definition notwendig. Entgegen häufiger Annahmen umschreibt der Begriff nicht nur Fahrzeughersteller und Zulieferer, sondern alle Branchen, die an Bau und Betrieb von Fahrzeugen mit Elektroantrieb beteiligt sind.

Das beginnt schon bei der Energiegewinnung, denn umweltfreundliche Fahrzeuge sollten möglichst mit Ökostrom (z. B. Solarenergie) geladen werden. Energiespeicherung ist ebenfalls ein großes Thema, beispielsweise durch Lithium-Ionen-Akkus oder Wasserstoff-Brennstoffzellen. Und auch die Ladeinfrastruktur gehört zum Ökosystem der Elektromobilität, inklusive Errichtung, Wartung und Betrieb von Ladesäulen und Stromtankstellen.

Die Auflistung zeigt, dass E-Mobilität kein homogenes Ökosystem bildet. All diese Branchen haben mit ihren individuellen Herausforderungen zu kämpfen. Wie bei einem Venn-Diagramm gilt es, Überschneidungen zu identifizieren – jene Anforderungen, die sich durch das gesamte Ökosystem ziehen.


E-Mobilität umfasst unter anderem:

  • Fahrzeughersteller,
  • Zulieferer,
  • Energieversorger,
  • Solar- und Wasserstofftechnik,
  • Batteriezellenhersteller,
  • Betreiber der Ladeinfrastruktur (inkl. Service-Dienstleister),
  • Software-Entwickler (insbesondere im Bereich intelligente Vernetzung),
  • Technologie-Start-ups der oben genannten Bereiche.

Welche Herausforderungen birgt E-Mobilität?

Im Vergleich zum klassischen Verbrennungsmotor handelt es sich bei Elektroantrieben um eine relativ junge Technologie (zumindest was die Serienreife betrifft). Die Elektromobilität steckt immer noch in den Kinderschuhen und das macht sich durchgehend in Entwicklung, Produktion und Betrieb bemerkbar.

Technische und rechtliche Formen ändern sich mitunter sehr schnell. Zum Teil orientieren sich Hersteller von Elektrofahrzeugen an Normen, die noch gar nicht freigegeben wurden. Agilität und Flexibilität sind daher Schlüsselfaktoren für jedes Unternehmen, das sich in diesem Bereich behaupten will. Das gilt nicht nur für OEM und ihre Lieferanten, sondern für das gesamte Ökosystem. Zum Beispiel haben bereits kleine Fortschritte bezüglich Akkulaufzeit oder Ladedauer große Auswirkungen auf die Absatzzahlen eines Batteriezellenherstellers. Das Gleiche gilt für die Ladeinfrastruktur. Schon geringe Verbesserungen bei der Betankungsgeschwindigkeit können unentschlossene Kunden überzeugen. Hier wird um jeden Prozentpunkt gekämpft.

Eine weitere Herausforderung betrifft vor allem Unternehmen, die erst vor Kurzem mit der Automobilbranche in Berührung kamen. Diese finden sich auf einmal in einer komplexen Zulieferkette wieder, die von strengen Qualitätsanforderungen und hochgradig strukturierten Prozessen geprägt ist (man denke nur an die VDA-Normen für elektronische Kommunikation). Erfahrene Automobilzulieferer mögen damit problemlos zurechtkommen. Aber gerade Technologie-Start-ups sehen sich schnell mit Vorgaben konfrontiert, die sie nur schwer einhalten können.

Auch den Servicebereich dürfen wir nicht vergessen. Für alle Bereiche, die der Fahrzeugproduktion vor- und nachgelagert sind, spielt der Service eine entscheidende Rolle. Batteriezellenhersteller müssen beispielsweise dafür sorgen, dass ihre Produkte den gesetzlichen Vorgaben entsprechend entsorgt werden. Für Anbieter von Ladesäulen ist dagegen regelmäßige Wartung wichtig, damit die Ausfallzeiten möglichst gering sind.

Zu diesen Faktoren kommen natürlich noch die individuellen Anforderungen der Branchen hinzu. Für jedes Unternehmen, das an der Produktion von Personentransportern beteiligt ist, spielen zum Beispiel die Themen Seriennummern- und Chargenverfolgung eine wichtige Rolle. Schließlich hängen Menschenleben von der Qualität der verbauten Komponenten ab.

eMobility unterscheidet sich deutlich vom klassischen Fahrzeugbau. Sie ist wesentlich agiler und benötigt daher ein schlankes, flexibles ERPSystem

Konsequenzen für die ERP-Auswahl

Unternehmen, die sich im Umfeld der Elektromobilität bewegen, fällt die ERP-Auswahl mitunter schwer. Funktional betrachtet gibt es kaum einen Unterschied zwischen ERP-Systemen im Kontext der E-Mobilität und solchen, die im klassischen Fahrzeugbau Verwendung finden. Hinsichtlich ihres Mindsets unterscheiden sich die beiden Bereiche jedoch gravierend. Das sollte sich auch bei der ERP-Auswahl widerspiegeln.

Manche ERP-Systeme sind monolithisch aufgebaut. Sie bieten einen enormen Funktionsumfang und jede Menge Einstellungsmöglichkeiten. Allerdings sind sie statisch und nur mit relativ hohem Aufwand umzukonfigurieren. Solche ERP-Lösungen sind im Kontext der Elektromobilität weniger gut geeignet. Sie sind zu träge und unflexibel, um die agilen Prozesse und die wechselnden Anforderungen des Ökosystems zu unterstützen.

Unternehmen, die in der E-Mobilität Fuß fassen wollen, sind daher mit einer kleineren, flexibleren ERP-Software besser beraten. Sie sollte leicht konfigurierbar sein und viele Anpassungsmöglichkeiten bieten, ohne aber die Nutzer zu überfordern. Die IT sollte in der Lage sein, geringfügige Prozessmodifikationen auch ohne die Unterstützung eines ERP-Beraters durchzuführen. Bei jeder kleinen Änderung zum Telefonhörer greifen zu müssen, ist nicht Sinn der Sache.


E-Mobilität ist eine agile Branche und braucht daher ein schlankes, flexibles ERP-System.


Achten Sie auch auf das Mindset des ERP-Anbieters. Er sollte möglichst offen und lösungsorientiert denken, sich nicht auf fest definierte Strukturen beschränken und schnell auf Ihre Anfragen reagieren. In einem agilen Umfeld wie der E-Mobilität können Sie es sich nicht leisten, Abläufe durch Bürokratie zu verzögern.

Trotz allem sollten Sie die individuellen Anforderungen Ihrer Branche nicht aus den Augen verlieren. Ihr neues ERP-System sollte zwar flexibel sein. Es sollte allerdings auch alle Funktionen mitbringen, die Sie für Ihr Tagesgeschäft benötigen. Das gilt sowohl für das Kerngeschäft, als auch für ergänzende Service-Leistungen, z. B. die Wartung einer Ladesäule oder die fachgerechte Entsorgung einer Solarzelle.

Vergessen Sie auch nicht, dass sich die Supply Chain jedes großen Automobilherstellers an dessen Qualitäts- und Kommunikationsvorgaben halten muss. Falls Sie dazugehören, sollte Ihr ERP-System diese Anforderungen abdecken. Das betrifft zum Beispiel die Chargenverfolgung oder die Beachtung der VDA-Normen im Kommunikationsbereich.

Zusammengefasst

Elektromobilität ist hinsichtlich der ERP-Anforderungsanalyse ein interessanter Fall. Sie vereint die eher konservativen Qualitäts- und Funktionsansprüche der Automobilindustrie mit der Agilität eines Technologie-Start-ups. Erschwerend hinzu kommt, dass sich im Ökosystem E-Mobilität Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen tummeln. Ein ERP-System zu finden, das all diese Perspektiven miteinander vereint, ist eine Herausforderung.

Die Lösung besteht darin, Flexibilität und Agilität als abstrakte Anforderungen zu behandeln und unabhängig von den funktionellen Anforderungen Ihrer Branche zu betrachten. Stellen Sie zunächst eine Liste aller funktionell geeigneten ERP-Systeme auf und streichen Sie im zweiten Schritt alle Anbieter, deren Software und Mindset zu unflexibel sind. Sie suchen ein agiles ERP-System, das sich schnell an neue Marktanforderungen anpassen lässt, keinen trägen Monolithen. Wenn Sie diese Tipps beachten, finden auch Sie problemlos den passenden ERP-Anbieter.

Das Mindset eines ERP-Anbieters einzuschätzen, ist nicht ganz einfach. Die Außendarstellung gibt meist nur wenig Hinweise auf die Denkweise des Unternehmens. Sie müssen schon das persönliche Gespräch suchen. Wenn Sie wissen möchten, an welcher Stelle der ERP-Auswahl Sie Gelegenheit für einen ersten Informationsaustausch erhalten, sollten Sie einen Blick in unser Whitepaper „Die ERP-Einführung von A bis Z.“ werfen. Es erklärt den vollständigen Ablauf im Detail.

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