Industrie 4.0: Warum zögert der Mittelstand noch?

16.11.2018 Lesezeit: 8 Min.
Industrie 4.0: Warum zögert der Mittelstand noch?
Holger Nawratil
Holger Nawratil
COO, Member of the Board, Asseco Solutions AG
Holger Nawratil gestaltet seit 25 Jahren den Erfolg von Asseco mit. Als CTO Dach verantwortet er die Bereiche APplus, SCS und Industrie-4.0.
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Die Idee hinter Industrie 4.0 ist mittlerweile auch im Mittelstand angekommen. In fast allen europäischen Industrieunternehmen diskutieren Entscheider über die Auswirkungen von Automatisierung und Vernetzung, das Potential digitaler Innovationen sowie mögliche Realisierungsansätze. Aber: Über die theoretische Ebene gehen viele von ihnen bislang nicht hinaus.

Dabei ist europäischen Mittelständlern die Herausforderung Industrie 4.0 durchaus bekannt. Ganze Branchen diskutieren zurzeit lebhaft darüber. Konkrete, praxiserprobte Lösungsansätze beobachtet man allerdings nur selten.




Was ist der Grund für diese Zurückhaltung? Was hindert Unternehmen daran, die vierte industrielle Revolution in die Praxis umzusetzen?

Vier Faktoren spielen eine besondere Rolle

Wie so oft gibt es in auch diesem Fall keine universelle Erklärung. In den meisten Fällen ist es die Kombination mehrerer Faktoren, die eine Organisation zurückhaltend agieren lässt.

Allerdings gibt es Faktoren, die häufiger eine Rolle spielen als andere. Besonders die folgenden vier Gründe lassen mittelständische Unternehmen zögern:

  1. Andere Handlungsfelder genießen aktuell eine höhere Priorität
  2. Kein Überblick über potentielle Maßnahmen
  3. Interne Voraussetzungen fehlen
  4. Vorbehalte wegen der fehlenden Informationsbasis

1. Andere Handlungsfelder genießen aktuell eine höhere Priorität

Das Konzept Industrie 4.0 in die Praxis umzusetzen ist ein langwieriger Prozess. Es wird vermutlich noch Jahre dauern, bis europäische Unternehmen die digitale Transformation abgeschlossen haben. Das gilt besonders für den Mittelstand. Auf strategischer Ebene ist das auch kein Problem. Jedes erfolgreiche Unternehmen plant schließlich für die Zukunft.

Die eigentliche Herausforderung betrifft die menschliche Ebene. Menschen tendieren dazu, kurzfristige Herausforderungen höher zu gewichten als zukünftige. Das gilt natürlich auch für Entscheider in Industrieunternehmen. Kurzfristig gesehen hat Industrie 4.0 keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Tagesgeschäft. Daher genießen entsprechende Projekte in vielen Organisationen auch keine hohe Priorität.

Es muss nicht die komplette digitale Transformation des Geschäftsmodells sein. Kleine Schritte helfen dabei, erste Erfahrungen in der Digitalisierung zu sammeln und von Quick Wins zu profitieren.

Handlungsfelder, die kurzfristig einen größeren Einfluss auf den Unternehmenserfolg haben, genießen daher für viele Entscheider eine höhere Relevanz. Das gilt beispielsweise für die Neukundengewinnung, das Recruitment oder die Optimierung bestehender Prozesse.

2. Kein Überblick über potentielle Maßnahmen

Für Industrie 4.0 gibt es keine Blaupause, nach der sich alle Unternehmen ausrichten können. Industrie 4.0 ist eine Idee, kein Fahrplan. Ziel ist die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion mit Hilfe moderner Kommunikations- und Informationstechnologien. Der Weg dorthin unterscheidet sich jedoch deutlich von Unternehmen zu Unternehmen.

Dieser visionäre Charakter der Digitalisierung stellt Organisationen vor eine Herausforderung. Wer die digitale Transformation erfolgreich durchlaufen will, muss sein eigenes, individuelles Maßnahmenpaket entwickeln.

Die verschiedenen Innovationen und deren Einsatzmöglichkeiten bilden jedoch ein breites, unübersichtliches Feld. Entscheider können oft nur schwer einschätzen, welche Technologien für ihr Unternehmen relevant sind, welche Standards sich durchsetzen und welche Geschäftsmodelle Potential haben.

Da sie nicht das Risiko eingehen wollen, auf das falsche Pferd zu setzen, warten viele Entscheider erst einmal ab und ergreifen vorerst keine konkreten Maßnahmen.

3. Interne Voraussetzungen fehlen

Im Wesentlichen geht es bei Industrie 4.0 darum, Menschen, Maschinen und Produkte miteinander zu vernetzen. Digitale Kommunikation ist der zentrale Kern des Industrie-4.0-Konzeptes. Die Realisierung dieser Idee gelingt jedoch nur, wenn auch entsprechende interne Prozesse existieren. Was nicht da ist, kann auch nicht unterstützt werden. Mit dieser Herausforderung sehen sich zurzeit viele mittelständische Unternehmen konfrontiert.

Gerade die Kommunikation zwischen den Abteilungen ist oft problematisch. Ausgeprägtes Silodenken ist im Mittelstand leider keine Seltenheit. In so einem Umfeld ist der Übergang zu einer Industrie-4.0-Organisation nur schwer zu erreichen. Es gibt keine hinreichend strukturierten Kommunikationswege, die den Grundstein für den notwendigen Vernetzungsgrad bilden können.

Daher richten manche Unternehmen ihren Fokus zunächst nach innen, bevor sie konkrete Industrie-4.0-Maßnahmen entwickeln. Zum Beispiel in Form von interner Prozessoptimierung und des Einsatzes moderner Projektmanagement-Methoden.


Es gibt viele Unterschiedliche Anwendungsbeispiele, in denen das Unternehmen und die Mitarbeiter von der systematischen Vernetzungen der Maschinen mit einer ERP-Lösung profetieren.


4. Vorbehalte wegen der fehlenden Informationsbasis

Momentan gibt es nur wenige Präzedenzfälle für Industrie-4.0-Maßnahmen. Bei bisher abgeschlossenen Projekten handelt es sich größtenteils um Prototypen, die eingeschränkte Aussagekraft haben. Unternehmen, die erste Schritte in Richtung Industrie 4.0 gehen, wagen somit immer einen Sprung ins kalte Wasser.

Risikofreudige Entscheider sehen darin kein Problem. Sie versprechen sich von diesem Vorgehen einen First Mover Advantage. Gelingt die frühe Umsetzung der digitalen Transformation, verschafft das dem Unternehmen eine starke Marktposition.

Konservativere Entscheider tun sich jedoch mit diesem Ansatz schwer. Bevor sie sich an konkrete Maßnahmen wagen, wollen sie beispielsweise mehr Informationen über Kosten, Datensicherheit oder die Zusammenarbeit mit Dritten haben. Das Problem: Solch eine Informationsbasis existiert zurzeit noch nicht.

Manche Entscheider beobachten daher erst einmal die Situation, bevor sie eigene konkrete Projekte in Angriff nehmen.

Nichtstun ist keine Lösung

Unsicherheit ist ein Faktor, der viele Entscheider zögern lässt. Sie wissen nicht, wie der Weg in Richtung Industrie 4.0 konkret aussieht, welche Maßnahmen sie ergreifen sollen oder welche Klippen es zu umschiffen gilt. Daher entscheiden sich viele Unternehmen dafür, erst einmal abzuwarten und nichts zu tun.

Bis zu einem gewissen Punkt ist diese Vorsicht durchaus verständlich. Sie kann aber auch schädlich sein.

Warten Unternehmen zu lange mit konkreten Maßnahmen, geben sie die Initiative an ihre Mitbewerber ab. Und damit riskieren sie, dass die Konkurrenz vorbeizieht. Nichtstun kann daher ebenso viel Schaden anrichten, wie ein erster, fehlgeschlagener Versuch.

Bauen Sie auf Ihrem ERP-System auf

Unternehmen, die beim Thema Industrie 4.0 noch zögern, sind mit einem sukzessiven Vorgehen besser beraten. Anstatt abzuwarten, sollten Sie lieber erste Schritte in Richtung digitale Transformation wagen – aufbauend auf dem, was Sie heute bereits im Einsatz haben.

Ein modernes ERP-System ist beispielsweise ein hervorragender Ausgangspunkt, um sich Industrie 4.0 zu nähern. Schließlich ist eine ERP-Lösung bereits ein digitales Kommunikationssystem, das Menschen und Maschinen miteinander vernetzt. Darauf lässt sich erfahrungsgemäß sehr gut aufbauen.

Es muss auch nicht unbedingt eine komplette Transformation Ihres Geschäftsmodells sein. Schon kleine Schritte können dabei helfen, erste Erfahrungen zu sammeln und von Quick Wins zu profitieren.

Ein Beispiel aus der Warenwirtschaft: Wenn Sie Ihr Lager mit internetfähigen Sensoren ausstatten, kann es den Warenbestand jederzeit an Ihr ERP-System weiterleiten. Das könnte eine Kiste mit Schrauben sein, die ihren eigenen Füllstand misst – oder ein Regal, das per RFID-Tag feststellt, wie viele Komponenten auf ihm liegen. Auf diese Weise stellt Ihre ERP-Lösung den Lagerbestand selbstständig fest und bestellt bei Bedarf Material nach.

Solche Experimente sind mit überschaubarem Aufwand und geringem Risiko umsetzbar. Und Sie profitieren in jedem Fall davon: Entweder Sie erhalten ein erstes Framework, das Sie weiter ausbauen können. Oder Sie sammeln wertvolle Erfahrungen für den nächsten Versuch.

Wenn Sie schon über die Experimentierphase hinaus sind und einen konkreten Einstiegspunktpunkt in Richtung Industrie 4.0 suchen, bietet sich unserer Erfahrung nach der Service-Bereich an. Hier besteht in vielen Unternehmen besonders viel Optimierungspotential. Wie Sie Ihren Service für Industrie 4.0 fit machen und dieses Potential nutzen, können Sie in unserem Whitepaper „Service als Start in die Industrie 4.0“ nachlesen.

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