Brancheneignung von ERP-Systemen: Das müssen Sie wissen.

12.02.2018 Lesezeit: 7 Min.
Brancheneignung von ERP-Systemen: Das müssen Sie wissen.
Markus Reichl
Markus Reichl
Sales Competence Team, Asseco Solutions AG
Markus Reichl hat mehr als 20 Jahre Erfahrung in der ERP-Branche. Als Teil des Vertriebskompetenzteams unterstützt er die Vertriebsphase auf fachlicher Ebene.
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Für die meisten Unternehmen gehört Brancheneignung zu den zentralen Entscheidungskriterien bei der Auswahl des passenden ERP-Systems. Eine ERP-Lösung muss perfekt auf die Anforderungen der eigenen Branche zugeschnitten sein. Nur dann kommt sie in die engere Wahl. Diese Grundannahme ist so tief in der Industrie verankert, dass die Brancheneignung sogar bei unabhängigen Vergleichstests (z. B. der Auszeichnung „ERP-System des Jahres“) im Mittelpunkt steht. Aber was versteht man unter diesem Begriff eigentlich? Wann genau ist ein ERP-System für eine bestimmte Branche geeignet?

Auf den ersten Blick liegt es nahe, Brancheneignung an Features festzumachen. Wir definieren einfach eine Checkliste relevanter Funktionen und haken ab, welche davon unser ERP-System erfüllt.

In der Praxis ist die Sache leider nicht ganz so einfach. Die Brancheneignung einer ERP-Lösung hängt nämlich nicht von Funktionalitäten ab, sondern von deren Wirkung. Das mag wie Haarspalterei klingen, hat für die ERP-Auswahl aber eine hohe Relevanz. Die Konsequenz ist nämlich, dass ein ERP-System auch ohne explizite Branchenfeatures eine hohe Eignung aufweisen kann. Dafür müssen nur die anderen Features in ihrer Kombination die richtige Wirkung erzielen.

Betrachten wir diese abstrakte Ausführung am besten an einem Beispiel: Brancheneignung für den Maschinen- und Anlagenbau. Wann ist ein ERP-System für diese Branchen geeignet? Kurz gesagt: Wenn es Unternehmen dabei hilft schneller zu produzieren, Liefertermine besser einzuhalten und eine lückenlose Verfolgung des Informationsflusses – von der Kundenanfrage bis zum Aftersales – zu gewährleisten. Für die ausführliche Antwort müssen wir etwas ausholen.

Machen Sie sich klar, wodurch sich in Ihrer Branche Wettbewerbsvorteile ergeben und welche Features zu diesen Vorteilen führen. Nur so können Sie die Brancheneignung eines ERP-Systems prüfen.

Erste Anforderung: Änderungswünsche schnell und flexibel umsetzen

Der Maschinen- und Anlagenbau ist von einem hohen Grad an Einzelfertigung gekennzeichnet. Unternehmen in diesen Branchen produzieren oft Einzelstücke nach den Vorgaben ihrer Auftraggeber. Der Kunde hat immer das letzte Wort und Änderungswünsche kommen tagtäglich vor. Das ist ein wichtiger Unterschied zur Serienfertigung, denn dort gibt es so gut wie keine individuellen Anpassungen. Und dieser Unterschied muss sich natürlich auch im ERP-System wiederspiegeln.

Im Maschinen- und Anlagenbau können Änderungswünsche zu jeder Zeit kommen - unter Umständen sogar erst, wenn die Anlage bereits verladen oder ausgeliefert ist. Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie schnell und kompetent auf diese Änderungswünsche reagieren. Dadurch stellen sie ihre Kunden zufrieden und heben sich von der Konkurrenz ab. Das klappt allerdings nur, wenn die internen Prozesse gut abgestimmt sind. Als Maschinen- oder Anlagenbauer müssen Sie Änderungsanfragen umgehend protokollieren und an die betreffenden Abteilungen weiterleiten. Das Ganze sollte natürlich schnell und unkompliziert vonstattengehen. Welcher Kunde nimmt schon gerne lange Verzögerungen in Kauf?

Das ERP-System eines Maschinen- und Anlagenbauers sollte daher ein hohes Maß an Flexibilität aufweisen. Änderungen an Produktionsaufträgen müssen schnell und unkompliziert verarbeitet werden können. Auch wichtig: All diese Änderungen müssen lückenlos dokumentiert werden. Andernfalls bekommen nachgelagerte Wertschöpfungsbereiche (wie z. B. Service oder Aftersales) Probleme.

Zweite Anforderung: Reibungslose Kommunikation entlang des Produktentstehungsprozesses

Als Konsequenz der Flexibilitätsanforderungen im Maschinen- und Anlagenbau steigt die Relevanz der internen Kommunikation entlang der Wertschöpfungskette. Die verschiedenen Bereiche des Produktentstehungsprozesses müssen sich stetig untereinander absprechen, denn sonst kommt es zu Konflikten und Verzögerungen.

Nehmen wir zum Beispiel die Beziehung zwischen Konstruktion und Fertigung. In einer modernen Fertigungsumgebung startet die Produktion noch bevor die Maschine oder Anlage zu 100 Prozent fertig entwickelt ist. Dieses Vorgehen dient dazu, das Projekt zu beschleunigen. Die Fertigungsabteilung erhält zunächst ein Grundgerüst aus der Konstruktion. Dieses Grundgerüst wird im Projektverlauf nach und nach erweitert. Umgekehrt erhält die Konstruktion auch Informationen aus anderen Bereichen. Beispielsweise meldet der Einkauf zurück, welche Bauteile nicht länger verfügbar sind (und somit auch nicht eingeplant werden sollten).


Das Knifflige daran ist, dass diese Art der Koordination auch in umgekehrter Reihenfolge stattfinden kann. Ein Beispiel: Die Montage stellt beim Kunden fest, dass die bestellte Maschine nicht in die Räumlichkeiten passt (vielleicht verdeckt eine Säule Anschlüsse an der Seite des Geräts). Also passen die Kollegen die Maschine vor Ort leicht an und versetzen den Anschluss. Diesen Vorgang muss die Montage nun an die anderen Bereiche zurückmelden. Sonst stellt der Service bei der nächsten Wartung fest, dass die Maschine nicht den ursprünglichen Spezifikationen entspricht – und dann beginnt die aufwändige Suche nach undokumentierten Änderungen.

Auch der Vertrieb kann durch engere Zusammenarbeit einen Beitrag zu schnelleren Durchlaufzeiten leisten. Mittels eines integrierten Produktkonfigurators können Verkäufer beispielsweise schon im ersten Kundengespräch zu den verfügbaren Kombinationsmöglichkeiten beraten. Die Konfigurationssoftware hilft bei der Produktspezifikation, warnt vor nicht realisierbaren Kombinationen und leitet das Resultat automatisch an die Entwicklung weiter. Dadurch sinkt der Koordinationsaufwand deutlich.

All diese Beispiele sind allerdings nur dann möglich, wenn die bereichsübergreifende Kommunikation reibungslos abläuft. Ein ERP-System für den Maschinen- und Anlagenbau muss daher in der Lage sein, Informationen unkompliziert zwischen Abteilungen auszutauschen. Wichtig ist hierbei vor allem, dass diese Koordination bidirektional abläuft. Spätere Stationen der Produktentstehung müssen ebenfalls dazu fähig sein, Änderungsanforderungen an die anderen Bereiche weiterzuleiten.

Brancheneignung ist nicht nur eine Frage einzelner ERP-Features

Natürlich gibt es noch viele weitere Faktoren, die bei der Bestimmung der Brancheneignung eine Rolle spielen. Aber bereits anhand dieses kurzen Beispiels können wir sehr gut erkennen, dass Brancheneignung nicht von einzelnen Funktionen abhängt. Wichtig ist vor allem das Zusammenspiel. Weder hohe Flexibilität noch ein ungehinderter Informationsfluss entlang der Wertschöpfungskette sind Eigenschaften, die sich explizit an Maschinen- und Anlagenbauer richten. Ihr Zusammenspiel sorgt allerdings dafür, dass Unternehmen die Durchlaufzeiten verkürzen und die Liefertreue erhöhen können. Und das ist wiederum in diesen Branchen von unschätzbarem Wert.

Wenn Sie also die Brancheneignung eines ERP-Systems einschätzen wollen, schauen Sie nicht einfach nur auf die Funktionsliste. Machen Sie sich erst einmal klar, wodurch sich in Ihrer Branche Wettbewerbsvorteile ergeben. Anschließend können Sie überlegen, welche Features zu diesen Vorteilen führen. Das können für sich genommen ganz unscheinbare Optionen sein. Aber in Kombination ergeben sie ein starkes Ganzes, das Unternehmen voranbringt.

Bei all ihrer Relevanz ist Brancheneignung aber nicht das einzige Kriterium für die ERP-Auswahl. Wenn Sie wissen möchten, wie Sie all Ihre Anforderungen in einem perfekt formulierten Lastenheft niederschreiben, sollten Sie einen Blick in unser Whitepaper „Der richtige Weg zum ERP-Lastenheft“ werfen. Es beschreibt den ganzen Prozess im Detail – von der ersten Idee bis hin zum fertigen Dokument.

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