​Wie sieht das ERP-System der Zukunft aus?

11.09.2017 Lesezeit: 6 Min.
​Wie sieht das ERP-System der Zukunft aus?
Carl-Heinz Gödde
Carl-Heinz Gödde
Vice President Sales, Asseco Solutions AG
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Machen wir uns nichts vor: keine Technologie hält sich ewig an der Spitze. Ein Trend, der heute das Nonplusultra ist, kann innerhalb weniger Monate schon veraltet sein. Der Schlüssel liegt darin, diese Paradigmenwechsel rechtzeitig zu erkennen und sich anzupassen. Wir können die Zukunft zwar nicht vorhersehen, aber technologische Revolutionen geschehen auch nicht einfach über Nacht. Sie sind immer das Resultat langfristiger Trends, die mit der Zeit Fahrt aufnehmen und in denen neue Technologien bestehende verdrängen.

Lassen Sie uns also über die Trends sprechen, die zurzeit den deutschen Mittelstand in Aufruhr versetzen – und darüber, welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf das ERP-System der Zukunft haben.

Industrie 4.0 steht schon in den Startlöchern

Wenn es um wirtschaftliche Trends geht, ist der Begriff Industrie 4.0 mit Sicherheit das Schlagwort Nummer 1. Die Idee, den gesamten Produktentstehungsprozess (von der Entwicklung bis hin zur Produktion) mit moderner Informationstechnologie zu verknüpfen, findet auf der ganzen Welt Anklang. Schließlich verspricht dieser Ansatz höhere Flexibilität, geringere Produktionskosten und ein enormes Optimierungspotential.

Auf den ersten Blick scheint es so, als seien ERP-Systeme für die Industrie 4.0 wie geschaffen. Sie bilden schon heute eine digitale Informations-Zentrale, die alle Geschäftsprozesse steuert und überwacht. Im digitalen Zeitalter scheint es nur logisch, dass diese Steuerungsfunktion von ERP-Lösungen immer stärker zunimmt.

Die neue Rolle des ERP-Systems

Das ist jedoch eine Fehlannahme. In Wahrheit sind heutige ERP-Systeme nicht in der Lage, die Industrie 4.0 adäquat umzusetzen. Das ist keine Frage von Features oder Leistung – sie sind einfach von vorneherein anders aufgebaut. Aktuelle ERP-Lösungen sind als Monolithen konzipiert. Sie bilden ein zentrales Steuersystem, das alle Prozesse und Funktionen in einer Software zusammenfasst.

Bisher war das auch völlig in Ordnung, aber es widerspricht einer der wesentlichen Ideen hinter Industrie 4.0: Dezentralisierung. In einer Organisation, die auf Industrie 4.0 setzt, sind zwar alle Maschinen, Geräte und Menschen miteinander vernetzt, aber im Kern autonom. Einzelne Bestandteile der Organisation erledigen ihre Aufgaben selbstständig, ohne eine zentrale Steuerungsinstanz. Das erhöht den Automatisierungsgrad und ermöglicht es dem Unternehmen, komplexere Strukturen zu bewältigen.

In solch einer dezentralen, automatisierten Organisationsstruktur hat ein klassisches ERP-System keinen Platz. Es gibt einfach keinen Bedarf für eine zentrale Steuerungsinstanz – das Organisationsnetzwerk steuert sich selbst, in Form autonomer Einheiten, die miteinander kommunizieren. Das heißt jedoch nicht, dass ERP-Systeme obsolet werden. Ganz im Gegenteil: Ihre ERP-Lösung wird zukünftig wichtiger sein als zuvor – nur nicht mehr in ihrer heutigen Form. Das ERP-System der Zukunft wird zwei essentielle Funktionen haben: Information und Integration.

Das ERP-System als Informations-Hub

Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre gesamte Organisation nach Vorbild der Industrie 4.0 automatisiert. In Ihrer Smart Factory hangeln sich hunderte bis tausende Werkstücke selbstständig den Produktionsprozess entlang. Jedes Objekt weiß genau, was es ist, wo es hin muss und welcher Arbeitsschritt als nächstes ansteht. Wie behalten Sie nun den Überblick über Ihre Produktion? Es gibt keine digitale Planungsstelle mehr, die alles verwaltet. Jeder Arbeitsschritt läuft autonom ab. Ohne einen dedizierten Informations-Hub haben Sie keine Chance mehr, alles zu überblicken. Und genau da kommt das ERP-System ins Spiel. Es sammelt Daten aus der gesamten Smart Factory, bereitet diese auf und informiert Sie innerhalb eines Dashboards über den momentanen Status.

Diese steigende Komplexität ist dabei nicht alleine auf die Produktion beschränkt. Dank Internet of Things, Mobile Devices und zunehmender Verbreitung von Sensoren sind in Zukunft mehr Geräte an Ihr Unternehmensnetzwerk angeschlossen als jemals zuvor. Diese neue Ebene der Komplexität mag zwar dank Automatisierung steuerbar sein, aber auch hier gilt: Ohne ERP-System verlieren Sie schnell den Überblick.

Ein Daten-Hub für vernetzte Systeme

Die zweite wichtige Funktion des ERP-Systems der Zukunft ist Integration. Betrachten wir dazu die oben beschriebene Komplexität mal von der technischen Seite. Sie haben Hunderte verschiedene Geräte im Einsatz, die wiederum auf den Datenaustausch innerhalb des Netzwerks angewiesen sind. Die meisten dieser Geräte können ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie keine Daten aus dem System erhalten. Hier kommt wiederum das ERP-System ins Spiel. Es bildet eine zentrale Schnittstelle, an der die Daten aller Systeme und Sensoren zusammenlaufen und weiterverteilt werden. Dank einer Schnittstelle zum ERP-System hat jedes Gerät potentiell Zugriff auf die Daten des gesamten Unternehmens.

Nehmen wir nur einmal Augmented Reality als Beispiel. Der Einsatz von AR in der Produktion hat sicher seine Vorteile:

  • Ihre Mitarbeiter haben alle relevanten Informationen über das Werkstück direkt im Blickfeld
  • Die Qualitätssicherung sieht den Idealzustand des Produkts als Overlay
  • Die Montage erhält eine Liste mit Arbeitsschritten (oder sogar ein Video) auf das virtuelle Display

Jede dieser Funktionen benötigt allerdings Informationen aus der Datenbank, die andere Abteilungen dort eingespielt haben. Ohne diese Daten ist die AR-Brille nichts weiter als ein teures Fashion Accessoire. Wenn Sie alle Ihre digitalen Systeme miteinander vernetzen wollen, sollten Sie einen Integrations-Hub schaffen, der als zentraler Knotenpunkt dient – eine Möglichkeit, jedem Gerät Zugriff auf alle Ihre Daten zu gewähren. Das ERP-System der Zukunft wird solch ein Integrations-Hub sein.

Das ERP-System ist auch in Zukunft unersetzbar

Der technologische Wandel führt also dazu, dass sich die Rolle des ERP-Systems in der Organisation ändert. Es wird nicht länger die zentrale Steuerungsinstanz bilden. Diese Aufgabe fällt weitestgehend weg, da sich autonome Systeme zunehmend durchsetzen. Stattdessen fällt dem ERP-System die Rolle eines Informations- und Integrations-Hubs zu. Es sorgt dafür, dass der Mensch nicht den Überblick über die zunehmend komplexere Infrastruktur verliert, die das Arbeitsleben der Zukunft prägt. Zugleich vernetzen kommende ERP-Lösungen eine Vielzahl von Sub-Systemen und verbinden sie mit einer zentralen Datenbank.

Damit stellen wir die altbekannte Automatisierungspyramide auf den Kopf. Die Planung findet nun direkt auf der operativen Ebene statt, während das ERP-System den Datenaustausch zwischen Fertigungsstationen koordiniert.

Transformation der Automatisierungspyramide - Eigene Abbildung

Diese neue Struktur ermöglicht wiederum zahlreiche weitere Technologien, die sich aus der Industrie 4.0 ergeben. Virtual-Reality-Anwendungen können beispielsweise Konstruktionsdaten aus verschiedenen Quellen auswerten und daraus eine Vorschau des fertigen Produkts erstellen. Oder Sensoren aus verschiedenen Sensoren tauschen Abnutzungsdaten aus, die wiederum den Ausfall einer Maschine per Predictive Maintenance präzise vorhersagen können. Egal, wie Sie die technischen Möglichkeiten von Industrie 4.0 auch einsetzen – Ihr ERP-System wird auch in Zukunft immer im Mittelpunkt stehen.

Denken Sie noch darüber nach, wie der erste Schritt in Richtung 4.0 aussehen sollte? Dann ziehen Sie doch den Service-Bereich in Erwägung. Unserer Erfahrung nach steckt hier viel Optimierungspotential. Unser Whitepaper „Service als Start in die Industrie 4.0“ enthält alle weiteren Informationen.

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